Akte Freiraum #2: Kochthermometer

Dies ist die zweite Folge der Serie „Akte Freiraum“, wo es darum geht, sich mit amtlicher Würde von überflüssigen Dingen zu befreien. Im Start-Artikel gibt es eine Einführung und Übersicht zur Serie. Im heutigen Kündigungsschreiben wird das Kochthermometer verabschiedet.

Sehr geehrtes Kochthermometer!

Mit dem vorliegenden Schreiben komme ich der unangenehmen, jedoch unausweichlichen Pflicht nach, Ihnen die fristlose Beendigung Ihrer Tätigkeit in meinem Haushalt anzuzeigen. Diese Entscheidung wurde nach sorgfältiger Prüfung Ihrer Leistungsbilanz der vergangenen Jahre getroffen und ist, so versichere ich Ihnen, endgültig.

Zur Wahrung der Transparenz und im Geiste eines geordneten Übergabeprozesses wurden die maßgeblichen Kündigungsgründe im Folgenden sachlich dargelegt:

  • Paragraph 5 – Mangelnde Einsatzfrequenz: Eine Auswertung der Küchenaktivitäten der Jahre 2021 bis 2025 ergibt, dass Sie an insgesamt drei Gelegenheiten konsultiert wurden — zweimal beim Weihnachtsbraten, einmal irrtümlich zur Überprüfung der Körpertemperatur. Letzteres lag außerhalb Ihres Zuständigkeitsbereichs, was die Situation für beide Seiten peinlich gestaltete.
  • Paragraph 6 – Vertrauensverlust durch Widersprüchlichkeit: Am 24. Dezember 2023 zeigten Sie für dasselbe Stück Fleisch innerhalb von vier Minuten Temperaturen von 61 °C, 74 °C und 58 °C an. Die daraus resultierte existenzielle Unsicherheit bezüglich des Garzustands konnte auch durch dreimaliges Wiedereinstechen nicht aufgelöst werden. Der Braten war am Ende durch — aus eigenem Entschluss.
  • Paragraph 7 – Strukturelle Unordnung: Ihre Sonde, Ihr Gehäuse und Ihre Aufbewahrungshülle haben sich zu keinem Zeitpunkt gemeinsam an demselben Ort befunden. Diese anhaltende Zerstreutheit ist mit den Anforderungen eines minimierten Haushalts nicht vereinbar.
  • Paragraph 8 – Kompetenzüberschneidung: Das Konzept „Erfahrungswerte“ hat sich in der Praxis als vollwertiger Ersatz erwiesen. Der Zeigefinger, obschon nicht geeicht, liefert seit Generationen verlässliche Einschätzungen und benötigt weder Batterie noch Etui.

Es sei ausdrücklich vermerkt, dass Ihnen keine böse Absicht unterstellt wird. Sie haben nach bestem Wissen und Gewissen — sowie nach dem Stand Ihrer Messtechnik aus dem Jahr 2017 — Dienst getan. Dass die Ergebnisse bisweilen mehr Fragen aufwarfen als sie beantworteten, wird als strukturelles, nicht als charakterliches Versagen gewertet.

Sie wurden fachmännisch gereinigt, in ihrer Originalverpackung — die aus unerfindlichen Gründen noch vorhanden war — verstaut und einem Haushalt übergeben, der nachweislich mehr Braten zubereitet als meiner. Dort werden Sie, so die begründete Hoffnung, zur Hochform auflaufen. Oder zumindest konsistente Werte liefern.

Ich wünsche Ihnen einen guten Einstieg in Ihre neue Wirkungsstätte und bitte Sie, die Angelegenheit nicht persönlich zu nehmen. Es war nicht die Temperatur — es war das Vertrauen.

mit kühlem Kopf und handwarmen Händen,

Ihre ehemalige Küchenschublade, zweite Reihe, hinten rechts

– Akte Freiraum · Folge 2 von hoffentlich vielen –

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